In the Lock Concept, artnet

In the Lock Concept, artnet

“TRANSLATION AS A STRUCTURING PRINCIPLE ‘IN GENTILI APRI, BERLIN
IN DER KONZEPTSCHLEUSE
DOMINIKUS MÜLLER
10. September 2010
„Translation As A Structuring Principle“, mit Patrick Armstrong, Lindsay Lawson, Marlie Mul, Hayley Silverman, Anne de Vries, Damon Zucconi – Gentili Apri, Berlin. Vom 26. August bis 1. Oktober 2010

Es gibt Begriffe, an denen man sich so richtig schön die Zähne ausbeißen kann. Weil sie so groß, so umfassend, ja, so flexibel sind. „Übersetzung“ etwa ist so ein Wort. Wo genau auf der Landkarte unserer geistigen Aktivitäten liegt es? Wo sind seine Grenzen? Ist nicht auch dieser Text hier eine Übersetzung? Vom Gedachten ins Geschriebene? Aber die Übersetzung hat noch ein Problem. Auch ihr Fundament hat sich aufgelöst. War sie für Walter Benjamin noch der Garant für das „Über-Leben“ des Originals, ist uns der Glaube an ein solches längst abhanden gekommen. Das Original ist ins Reich der Mythen oder allenfalls des Brand-Marketings verbannt. In Zeiten des globalen Informationsaustauschs und der Allmacht des Metamediums Internet ist beinahe alles irgendwie übersetzt, von einer Sprache in die andere, von einem Kontext in den anderen. Und wir alle wissen darum.

Ausgerechnet eine Berliner Künstlerpublikation stellt sich nun dieser Problematik. Und macht das auf den ersten Blick sehr geschickt. Denn statt sich in theoretischen Abhandlungen zu verlieren, verwandelt sich „If A then B“, selbst in den Gegenstand einer mehrfachen Übersetzung: Eine Gruppenschau in der Galerie Gentili Apri nämlich überträgt einige der künstlerischen Beiträge zum Magazin zurück in den Ausstellungskontext und transformiert außerdem die Publikation in ein künstlerisches Projekt. Denn wie dieses Magazin dort in trauter Nachbarschaft von Kunstwerken auf einem Sockel ausliegt, wird die Drucksache selbst zum Objekt, wird seine Materialität betont. „Übersetzung“ ist hier an jeder Stelle und zu gleichen Teilen Material, Thema und Strategie.

Innerhalb der Buchdeckel werden, vereinfacht gesagt, die sehr weiten praktischen Anwendungsfelder von Übersetzung durchgespielt. Da gibt es Literatur, von Helen DeWitt etwa oder dem deutschen Schriftsteller Ulf Stolterfoht, Texte, die sich mit der Problematik von Performance, Reenactment und Musik auseinandersetzen, dazwischen vereinzelte Abbildungen von Kunstobjekten, aber auch eine „Text-Kunst-Arbeit“ des Kollektivs VVORK – so etwas wie die Niederschrift eines „Variety Evenings“ im New Yorker New Museum, bei dem VVORK bereits die Kunstwerke anderer in Performances verwandelt hatten. Alles also Hin und Her, von Medium zu Medium und wieder zurück. Das erscheint zunächst als smarter Move, der versucht, das Prinzip der Übersetzung im Nachvollzug spürbar zu machen. Denn, wie es im Editorial so schön heißt, Übersetzung ist und repräsentiert zugleich, was eine sprachliche Annäherung an sie nahezu unmöglich macht. Auf der anderen Seite aber läuft dieses konzeptuell ambitionierte Projekt Gefahr, in allzu großer Beliebigkeit zu versinken, wenn jede Bewegung von hier nach da plötzlich zu einer Übersetzung wird.

Dieses Prinzip setzt sich dann naturgemäß in der Ausstellung fort. Stellvertretend sei hier nur der Beitrag von Anne de Vries genannt: darunter zwei Fotografien, Close-Up-Aufnahmen eines zerknitterten Staniolpapiers, auf dem verzerrt und nur noch als Andeutung alte Höhlenmalereien zu erkennen sind. Dabei tun diese konventionellen, unbearbeiteten Fotografien aber so, als wären sie Photoshop-Geburten. In der Ausstellung werden die unkaschierten Drucke wie Wandbehänge drapiert, was ihnen einen beinahe objekthaften Touch verleiht. Im Magazin finden sie sich als farbige Reproduktionen wieder, im Look eines möchtegernedlen Marmorpapiers.

Was für diese Arbeit gilt, gilt auch für alle anderen: Sie werden durch die thematische Schleuse des Magazins geschickt und so mit dem Konzept „Übersetzung“ und dessen struktureller Ungreifbarkeit legitimiert: Alles wandert, wiederholt, verschiebt, verwandelt sich, hüpft von einem zum anderen und entzieht sich dabei jeder Konkretion. Am Ende stößt man sich den Kopf blutig an diesen buchstäblich endlosen Oberflächenschlieren, an diesem prinzipiell endlosen Shiften von Kontext zu Kontext. Interessanterweise – paradoxerweise – scheinen sich damit gerade dieses Magazin und diese Ausstellung, die sich doch beide dem permanenten Übersetzen verschrieben haben, am Ende die Kommunikation zu verweigern. Dass das im Zeitalter eines beinahe ubiquitären Verwertungsimperativs fast so etwas wie eine (natürlich reizvolle) Todsünde darstellt, liegt auf der Hand. Und so weiß man am Ende nicht, wie man diese Strategie verstehen soll: als geniale, bewusste Verweigerungsvolte oder als konzeptuelle Autoimmunisierung und damit theoretisch fundierte Unangreifbarkeit. Vielleicht ist die Absicht dieses Projekts ja im Zuge der Übertragung von A nach B verloren gegangen. Oder sie liegt irgendwo dazwischen. Das kommt bei Übersetzungen nämlich vor.

http://gentiliapri.com/exhibitions/gentili-apri-presents-if-a-than-b/

„If A then B“, Issue 1: „Notes on Translation“, ISSN 2190-9030, EUR 10,—

By DOMINIC MÜLLER
From artnet
Damon Zucconi